Jazzsprinter in Endspurtlaune

Peter Billaudelle

Der "generations"-erfahrene Dozent Brad Leali (New York) attestierte den Teilnehmern des Masterclass-Workshop 2004 ein noch höheres Niveau als bereits 2002. Dies war im 1. Teil des Konzertes am Freitagabend im fast ausverkauften Eisenwerk (Grosser Saal) nachzuhören. Nach zwei Instrumentalstücken der "Förderpreisband 2004" – acht besonders talentierte Workshopteilnehmer (aus CH, A und D) – kam die erste Überraschung des Abends: der Münchner Pianist Jo Junghanss, der mit dem Berner Michael Dubi (Bass) und Marijus Aleksa aus Vilnius (Schlagzeug) eine CD beim DRS aufnehmen darf. Junghanss’ Eigenkomposition "This Very Day" beschreibt einen Tag voller Romantik, aber auch fast atemloser Hektik und Dramatik. Das Trio dürfte sich danach gefragt haben, was es wohl "falsch" gemacht hatte, denn der Applaus war der emotional voll zupackenden Darbietung nicht angemessen. Die letzten beiden Stücke brachten wieder die Förderpreisband und mit ihr die Sängerin Nicole Herzog auf die Bühne. Beim Standard "If I Were A Bell" kam das schöne Dinah-Washington-artige Timbre der jungen Sirnacherin voll zur Geltung.

Im 2. Teil kamen die Workshop-Dozenten musikalisch zu Wort. Jeder von ihnen wurde schon bei der namentlichen Vorstellung stürmisch begrüsst. Dick Oatts spielte auf Roman Schwallers Tenorsax, tönte – natürlich – ganz anders als dieser und unterstrich damit einmal mehr, wie sehr es im Jazz auf den persönlichen Sound ankommt.

Der Samstagabend lud zum grossen Finale. Eine "Big Band Night" ist leider oft ein guter Grund zum Fernbleiben, denn was unter diesem Motto beizeiten zu einem Cocktail gemixt wird, ist bei genauer Betrachtung ebenso stilsicher wie Crevetten mit Ketchup. Im ausverkauften Stadtcasino jedoch konzentrierte sich eine handverlesene 17-köpfige, ohne Übertreibung als Weltklasse zu bezeichnende Formation mit Musikern aus sieben Nationen ganz auf die Musik der legendären Thad Jones/Mel Lewis Big Band. Thad Jones (1923-86), Kornettist, Arrangeur und Komponist (u.a. der zum Schluss gespielten Ballade "A Child Is Born") und Schlagzeuger Mel Lewis (1931-90) scharten 1966 zunächst eher aus einer Not heraus handverlesene Musiker um sich: es galt, Zuhörer für die spärlich besuchten Montag-Abende des New Yorker Jazzclubs "Village Vanguard" anzuziehen. Aus dem "Notnagel" wurde bald ein wahrer Publikumsmagnet, der einen ganz eigenen Ensemblestil kreierte. Der bekennende Big-Band-Fan Roman Schwaller dürfte sich intensiv mit dieser Formation auseinandergesetzt haben, als er 1987 Lewis höchstpersönlich in sein Quartett holte: "Mel war unglaublich liebenswürdig, unterstützte uns musikalisch und menschlich mit grosser Souveränität. Und seine Spielfreude kannte keine Grenzen!" Nach dem Tod der beiden Bandleader formierte sich die Gruppe um und ist jetzt als "Vanguard Jazz Orchestra" in eben jenem Club zu hören. Perfektionist und Schaffer von Synergien, der er ist, bestand Schwaller darauf, einige Musiker aus dieser Band für den Abend (und in den Lehrkörper des Workshops) einzuladen. Der mit viel Aufwand und Liebe zum Detail vorbereitete Abend bestach denn auch durch zahlreiche solistische Glanzpunkte sowie (dem Anschein nach weniger gewürdigte) atemberaubende Tutti-Passagen. Edward A. Partyka leitete die Band und führte mit humorigen Moderationen, gelegentlich aber auch wie ein Quizmaster durch die Bandgeschichte.

Als eine Art Festival-"Fazit" nochmals Brad Leali: "Here in Frauenfeld you can just BE!" "Einfach SEIN" – das klingt zunächst nach wenig, ist aber im Grunde genommen alles und ein grosses Kompliment für die ganze Stadt.

Frauenfeld im Ausnahmezustand

Masterclass-Teilnehmer und Masters sorgen mit erstklassigen Darbietungen in den verschiedenen Frauenfelder Clubs für einen erfolgreichen Start des Internationalen Jazztreffens Generations.

Emanuel Helg

Frauenfeld - Der Jazzclub im Dreiegg wird seiner Funktion als grosser Schauplatz ("Big Scene") dank optimaler Raumgestaltung vollauf gerecht; der freischaffende Bühnenbildner J. Markus Heer hat es verstanden, das Auftrittspodium so zu gestalten, dass eine perfekte Symbiose zur Zufriedenheit aller Beteiligten (Musiker, Barbetreiber und Gäste) entsteht. Angesichts der zahlreich-aufmerksamen Zuhörer scheint das Konzept im Dreiegg perfekt aufzugehen.

Unterstützt vom australischen Meisterposaunisten Adrian Mears waren am Sonntagabend verschiedene junge Talente in wechselnden Formationen zu erleben. Herausragende improvisatorische Leistungen, beispielsweise des Pianisten Tinh Nguyen, wurden vom Publikum mit grossem Beifall bedacht.

Exzellentes Piano-Trio

In der Pianobar Schlossmühle sorgte das Claus Raible Trio mit Isla Eckinger am Bass und der Schlagzeug-Legende Jimmy Cobb für exzellente Unterhaltung. Der Münchner Pianist Claus Raible liess des öfteren ebenso inspiriert wie intelligent seine tiefe Verehrung für das Tastengenie Thelonious Monk durchblicken. Monks "Round Midnight" oder "Byas a drink" von Don Byas leuchteten, dank Gastauftritten von Derrick Gardner, Roman Schwaller oder Brad Leali, in sonorem Glanz. Auch in der Piano Bar überzeugt die Bühnengestaltung von J. Markus Heer; das bisherige Platzproblem wurde gelöst, indem die Musiker von der Mitte weg auf eine Seite hin "umgesiedelt" worden sind. Somit gibt es neu mehr Platz - auch für das liebenswürdige, professionelle Servicepersonal - und ausgeglichene Lautstärkeverhältnisse für alle.

Unvergessliche Session

Für das Highlight des Abends in der Piano Bar sorgten Lewis Nash (drums), Isla Eckinger (bass), Claus Raible (piano), Derrick Gardner (trumpet), Adrian Mears (trombone), Brad Leali (altosax), Dick Oatts (tenorsax) und Gary Smulyan (baritonsax) mit einer unvergesslichen Session kurz vor Mitternacht. Die von der Besetzung her kaum noch zu überbietende Schlagkraft dieses Oktetts entfaltete sich während George Gershwins swingendem Klassiker "The way you look tonight" und Horace Silvers verspieltem Blues "Doodlin'" auf eine Art und Weise, die mit Worten allein nicht mehr zu beschreiben ist. Die Spielfreude und Spontaneität, mit der diese Formation während des Themenspiels die Dynamik einer Big Band entwickelte, riss das Publikum buchstäblich von den Hockern. Aber auch die phänomenalen Soloauftritte der virtuosen Melodiker Oatts und Smulyan, die gewiefte Rhetorik eines Adrian Mears und ganz besonders die geniale Dramaturgie eines Brad Leali versetzten das Publikum in euphorische Glückszustände.

Seit Montag ist auch der Jazzclub in der Eisenbeiz in Betrieb. Hier war am ersten Abend, ebenfalls unter Mitwirkung eines aufmerksamen und engagierten Personals, mit dem Trio "Feigenwinter Oester Pfammatter", Jazz von einer etwas anderen, eigenwilligeren Sorte zu erleben. Von klangverliebten Sphärenklängen bis zu eruptiven Klanggewittern gestaltete dieses Schweizer Ensemble ihre vielschichtigen und stilübergreifenden, teilweise weit ausgedehnten musikalischen Streifzüge mit einer Hingabe, in der selbst einfache Dur-Harmonik nicht den Anschein des Banalen erweckte. Das Trio vermochte ebenso durch spielerische Dialoge und organisch fliessende Entwicklungen zu faszinieren. Auf Improvisation wurde zwischendurch zu Gunsten mehr oder weniger auskomponierter Passagen auch einmal verzichtet. Hier zeigte sich ganz besonders, vor allem im unteren Bereich der Lautstärkeskala die sensible Klangpalette und das fein differenzierte Ausdruckspotenzial des Trios.

Vier Jazzpiano-Generationen

Einen guten Einstieg in eine ereignisreiche Jazz-Nacht boten die Klavier-Solorezitale im VorStadttheater.

Emanuel Helg

Frauenfeld - Die Veranstalter haben diese Konzerte im Eisenwerk bewusst ins Gesamtkonzept aufgenommen, da sie neben einer stilistischen Bereicherung auch die Gelegenheit bieten, Jazz in kontemplativer Ruhe zu geniessen.

Mit Irène Schweizer (1941), Hans Feigenwinter (1965), Jean-Paul Brodbeck (1974) und Colin Vallon (1980) waren von Sonntag bis Mittwoch unterschiedliche Schweizer Jazzpiano-Generationen zu bewundern - was ja genau dem Motto des Festivals entspricht. Feigenwinter, Brodbeck und Vallon waren auch noch in einer Trioformation in der Eisenbeiz zu hören. Alle vier Solo-Rezitale wurden von Radio DRS2 aufgezeichnet.
Der Basler Hans Feigenwinter liess in seiner Solodarbietung verschiedene Stilistiken aufeinander treffen. Auf modale Spielereien folgte einfache Funktionsharmonik, motorisch-ostinate Rhythmen wurden von abrupten Stopps unterbrochen. Feigenwinter liess im selbstvergessenen Spiel mit Sus- und Nonenakkorden auch gewisse Vorlieben für popmusikalische Elemente erkennen. In seine Themen mischte sich ab und zu auch etwas hymnischer Pathos. Frei improvisierte Passagen, unterstrich häufig mit einem mehr oder weniger unisono hervorbrechenden, begleitenden Sprechgesang.
Mit kultiviertem Anschlag - trotz recht eigenwilliger Haltung - machte sich am Dienstag der ebenfalls in Basel geborene und lebende Jean-Paul Bordbeck ans Werk. Mit sparsam befrachtetem, meist nur drei- bis vierstimmigem Satz erreichte er ein hohes Mass an Ausdruck und Wirkung. Brodbeck wob kunstvoll auch kontrapunktische Elemente in seine Arrangements ein und bewies ein unerschütterliches Formgefühl; mit sicherem Instinkt für das richtige Timing und erzählerischen Finessen erspielte er sich die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums. Ein besonders schönes Beispiel seiner Arbeit lieferte Brodbeck mit der Eigenkomposition "The Glowing Mountain", das in seinem zauberhaft impressionistisch anmutenden Klangfarbenspiel an Ravel oder Debussy erinnerte.

Groovespektakel

Vom Publikum stürmisch gefeiert wurde der Auftritt des Trios von Jean-Paul Brodbeck im Jazzclub in der Eisenbeiz. Einer der Hauptgründe dafür sass am Schlagzeug und hiess Dominic Egli. Der junge Drummer bot ein Groovespektakel sinfonischen Ausmasses. Jede kleine Eskapade, jeder Akzent seines ideenreichen Interplays entfachte ansteckenden Drive und swingende Energie. Dabei agierte er stets im Kontext seiner Mitmusiker, die ihrerseits, getragen von derart pulsierenden Energieströmen, zu musikalischen Höhenflügen ansetzten. Peter Frei am Bass spielte in transparenter Gesanglichkeit mit der Farbenvielfalt seines Instruments und sorgte mit traumhaft fliessenden Lagewechseln für spannungsvolle Modulationen. Jean-Paul Brodbeck lotete als fantasievoll-virtuoser Erzähler immer neue dramatische Dimensionen aus. Von solcher Schönheit angetan, liess sich auch der künstlerische Leiter des Jazztreffens, Roman Schwaller, nicht zweimal bitten und erwies dem Trio mit "In a Sentimental Mood" die Ehre.

Spiel mit den Extremen

Als Letzter und Jüngster in der Reihe "Today and Tomorrow" präsentierte sich der Westschweizer Colin Vallon im Vorstadttheater. De 24-jährige Vallon zeigte mit "Home Blues" ein weit gefächertes Ausdrucksrepertoire. In spannenden Metamorphosen über das eingängige Thema nutzte er das Klangspektrum des Flügels von feingliedriger Zweistimmigkeit bis zu brachialem Volumen. Das Ganze würzte er mit einer gehörigen Prise Humor. Aus seinem Spiel mit den Extremen - düstere Elegien gegen swingende Synkopen mit präparierten Saiten zum Beispiel - ergaben sich immer wieder erfrischende Überraschungseffekte.

"generations" begeistert

Die Masterclass Workshop-Teilnehmer präsentierten in einem Abschlusskonzert die musikalischen Früchte ihrer Arbeit. Weitere Höhepunkte ereigneten sich in den Jazzclubs Gleis 4 und Dreiegg.

Emanuel Helg

Frauenfeld - In der Aula der Kantonsschule Frauenfeld versammelten sich am Donnerstagabend nochmals alle Workshop-Teilnehmer zur grossen "generations Night". In verschiedenen Formationen wurden die Resultate des einwöchigen Jazz-Marathons vorgestellt. Die meisten präsentierten sich mit eher verhaltenem Temperament, einige aber bereits in der Manier gestandener Jazz-Lions. Dabei waren auch Thurgauer Talente wie Patricia Bühler (vocals) aus Amriswil, Dominik Deuber (drums) aus Frauenfeld, Reto Grundbacher (bass) aus Matzingen und Elisabeth Sigrist (sax) aus Warth.

Der 1. Preis des diesjährigen Masterclass Workshops, eine komplette Studioproduktion bei DRS2, ging an den Pianisten Joachim Junghanss aus München. Die Auserwählten der Förderpreisband 2004, welche eine Tournee durch die Schweiz und Deutschland bestreiten können, heissen Nicole Herzog (vocals), Max Grosch (violin), Johann Lassnig (trumpet), Patrick Bianco (altosax), Silvio Cadotsch (trombone), Thinh Nguyen (piano), Tobias von Glenck (bass) und Bernd Reiter (drums).

Crème der Schweizer Jazz-Szene

Seit Mittwoch hat auch der Jazzclub im Gleis 4 seinen Betrieb aufgenommen, in welchem "Jazz from Basel" mit der Formation "Cojazz" und der grossartigen Gesangskünstlerin Lisette Spinnler geboten wird. Andy Scherrer (piano), Stephan Kurmann (bass) und Peter Schmidlin (drums) - Vertreter der Crème der Schweizer Jazz-Szene - pflegen einen besonderen, diskreten und gediegenen Jazz. Zusammen mit den Gastmusikern Domenic Landolf (tenorsax) und Lisette Spinnler (vocals) veranlasste "Cojazz" bereits am ersten Abend zu begeisterten Ovationen. Im Zentrum stand Lisette Spinnler, die jedes Stimm-Register ideal temperiert, absolut intonationssicher und ohne jegliche Härte zu ziehen vermochte. Die Scat-Technik erweiterte diese grossartige junge Sängerin um einige neue Dimensionen. Trotz ungehemmter Experimentierfreude hielt Lisette Spinnler ein ästhetisches Niveau, wovon andere Gesangskünstler selbst in ihrer Parade-Stimmlage nur träumen können. Mit gezügeltem Temperament und warmer Resonanz stellte sich die Rhythmusgruppe ganz in den Dienst dieses eleganten Gesamtkunstwerks. Der Tenorsaxofonist Domenic Landolf fügte in zeitgemäss offener Melodik sanft kontrastierende Farbtöne hinzu.

Kompromisslos: Straight ahead Jazz

Grosses Publikumsinteresse weckte der Auftritt des "Roman Schwaller Jazzquartet feat. Lewis Nash" im Jazzclub Dreiegg. Der "generations"-Vater Roman Schwaller begeisterte mit kompromisslosem Straight ahead Jazz. Kühl servierte er das Thema zu "In your own sweet way", um darauf heissblütig den vollen Tonumfang seines Tenorsaxofons auszuloten. An verschiedenen Stellen seiner schillernden Laufwerk-Kaskaden zauberte er pointierte Motive oder lausbübische Zitate hervor, die alsbald wieder in den Strudel seiner temporeichen Improvisationen hineingezogen wurden. Der Münchner Pianist Claus Raible beeindruckte einmal mehr in bester Bebop-Manier, indem er quirlige Skalenfragmente mit kraftvollen left-hand-voicings konfrontierte. Die Jazzstars Ira Coleman (bass) und Lewis Nash (drums) zeigten sich ebenfalls in bester Spiellaune und boten, passend zur Temperatur im Dreiegg, ein heiss brodelndes Swing-Spektakel.

generations 2004 - einer der besten Jazzevents Europas!

Jazz'N'More, Ausgabe November/Dezember 2004

Als voller Erfolg wird das diesjährige Jazztreffen in Frauenfeld in die Analen der CH-Jazzgeschichte eingehen. Bereits zum vierten Male fanden die "generations" genannten Frauenfelder Jazztage statt. Roman Schwallers bewährtes Konzept der "drei Säulen", Masterclasses/Workshops, die Club-szene sowie die drei Hauptkonzerte reüssierten ebenso wie die Verpflichtung von Derrik Gardner tr, Brad Leali as, Dick Oates as/ts, Adrian Mears tb, Kenny Werner p, Ira Coleman b und Lewis Nash dr, alles renommierte Jazzmusiker und Musikdozenten. Die Konzert-Lokalitäten boten eine Atmosphäre, die man selbst in New York nicht oft antrifft. Ein durchwegs enthusiastisches Publikum sowie der herbstlich spröde Charme der Stadt Frauenfeld, Hauptstadt des "Schlaraffenlands der Ostschweiz", taten das ihrige.

Während dieser Woche traf man überall in der Stadt auf clever organisierte Jazzevents, die jedem anderen Festival gut anstehen würden. Während fünf Tagen konnten ca. 50 Teilnehmer die Masterclasses/Workshops besuchen, wobei die sieben Cracks unterrichteten und vor allem auch motivierten. Im Eisenwerk wurden unsere besten Pianisten (Schweizer, Brodbeck, Vallon, Feigenwinter) sowohl solo als auch im Trio präsentiert. Hier entstand ein Festival im Festival. Wir besuchten Colin Vallon, der mit einem intelligent aufgebauten und beeindruckend interpretierten Soloauftritt überraschte. Wechselte man sodann das Lokal um das "Gleis 4" zu besuchen, wo Cojazz (Andy Scherrer, p, Stefan Kurmann, b, Peter Schmi-dlin, dr) mit "special guests" Domenic Landolf, ts, und der Vokalistin Lisette Spinnler auftraten, musste man konsterniert feststellen, dass der Laden proppevoll und an Zutritt nicht zu denken war. Die Aktivitäten verfolgte man aus der Perspektive des "Ausgestossenen", kam aber auch von Ferne zum Schluss, dass das Gebotene absolut hochklassig war. Also suchte man sich, infolge des im "Gleis 4" herrschenden Platzmangels, ein anderes Auditorium, nämlich das "Dreiegg". Dort gastierte an diesem Abend der gute Geist des Festivals, Saxofonist Roman Schwaller mit Klaus Raible, p, Ira Coleman, b, und Lewis Nash, dr. (die restlichen Tage traten dort das Matthias Bätzel Organ Trio sowie Herbie Kopf's Hip-Noses feat. Nat Su, auf). Die Kapazität des Lokals war auch hier fast ausgereizt, das Quartett interpretierte Standards mit Bravour und stellte die Anwesenden höchst zufrieden.
War dann überall Ladenschluss, versammelten sich die Musiker in der Piano Bar, eine (Wein)-Bar, welche Entrecotes und Filets vom Feinsten serviert und wo zu später Stunde erst recht die Post abging. Das "Supertrio in residence" (Dado Moroni oder Claus Raible, p, Isla Eckinger, b, Jimmy Cobb, dr.) schuftete bis in den frühen Morgen, spielte selbst und jammte mit einer Unmenge Solisten. Es war zu spüren, wie die Motivation der Lehrkräfte die jungen Musiker beflügelte. Wo sonst können sie die tagsüber gelernte Theorie am gleichen Abend vor Publikum, z. T. zusammen mit ihren Lehrern und den Gastmusikern, in die Praxis umsetzen?

Die oben angesprochenen Pädagogen dozierten und motivierten an der Kantonsschule für angehende Jazzmusiker und solche, die sich nur weiterbilden möchten. Darunter auch gestandene Herren, die sich nicht zu gut waren, zusammen mit den Jungen ihr Wissen zu erweitern und, wie sich anlässlich der Vergabe des Förderungspreises am Donnerstag herausstellte, in ad hoc zusammen gestellten Gruppen in der Aula der Kanti aufzutreten, wobei junge und ältere Jazzmusiker gemeinsam musizierten. Der Freitag bot einen Auftritt der von einer Jury gewählten Förderpreisband, sowie ein Konzert mit allen Dozenten.
Die Big Band Night im Stadtcasino am Samstagabend bildete den Abschluss des Festivals. Unter der Leitung Posaunisten Ed Partyka bot das Ensemble, bestehend aus europäischen Spitzenkräften sowie den Dozenten Gardner, Mears, Oatts, Leali und Werner, eine Hommage an das legendäre Thad Jones - Mel Lewis Orchestra. Ein absoluter Knaller und gewiss ein Höhepunkt, denn qualitativ hinkte diese Band dem Original in keiner Weise nach. Etwas vom besten was in dieser Sparte weit und breit seit langem zu hören und zu sehen war. Der Leader Partyka moderierte das Konzert mit viel Humor (- the more you drink, the better we play ...) und stellte gewisse "Möchte-Gern-Fernseh-Profi-Moderatoren" gekonnt in den Schatten. Leichtigkeit und Humor dieser Art kann/ist eben nicht lernbar. Eine "schwingende Sache" (O-Ton Partyka) und ein überaus gelungenes, "generations 04" – Festival: Kultur zum Anfassen und ein Genuss für Ohren und Seele! Würden doch nur mehr Festivalleiter sich dieses Konzept zu Herzen nehmen. gf/kw

generations 04 - 4. Internationales Jazztreffen Frauenfeld (25.9.-2.10.2004)

Jazzpodium Stuttgart, Ausgabe November 2004

Peter Billaudelle

"Could we please have the lights out for atmosphere?" Wenn die Schweizer Herbstsonne dieser Bitte nachkommt, wird das Zentrum des beschaulichen Hauptortes des Kantons Thurgau zum Schauplatz regen Jazzgeschehens. Alles bequem zu Fuß erreichbar: erstklassiges Schweizer Solo- und Trio-Piano im "Eisenwerk" (von Irène Schweizer bis Colin Vallon), internationale Jazzschüler und deren Lehrer beim Jammen im "Dreiegg" oder Trios mit Drummer Jimmy Cobb in der elegant-loungigen "Schlossmühle". Das Konzept des künstlerischen Leiters Roman Schwaller (ts), Jung und Alt, werdende Profis mit lange praktizierenden, überwiegend aus den USA stammenden Meistern sowohl in einem mehrtägigen Masterclass-Workshop als auch gemeinsam auf die Bühne zu bringen, entwickelt sich langsam zu einer Institution: "the word spreads", dies- und jenseits des Atlantiks. Aus den hoffnungsvollsten der 49 Workshop-Talente (die sogar aus Litauen und USA angereist sind) wird eine "Förderpreisband" (2004 ein Oktett) zusammengestellt, die gemeinsam einen Konzertabend gestalten, eine CD aufnehmen bzw. 2005 unter den musikalischen Fittichen von Adrian Mears (tb; arr) eine Tournee absolvieren darf. Und die Förderpreisband des Jahres 2002 führt an einem Abend vor, was sie inzwischen dazu gelernt hat. Eine Rundum-Jazz-Nachwuchsförderung also, wie es sie in dieser Form nirgendwo sonst in Europa gibt. Für den Besucher ist es Jazzurlaub pur, das genaue Gegenteil der vielen Jazz-Supermärkte, die es inzwischen gibt. "generations" ist erfrischend unkommerziell, kann auf T-Shirts und ähnlichen Schnickschnack verzichten, und das soll dem Vernehmen nach auch so bleiben. Ein Wort noch zu den Jam Sessions: das Niveau der Workshopteilnehmer ist wirklich verblüffend, nicht nur technisch, sondern auch auf emotionaler und Interplay-Ebene. Höhepunkt der siebentägigen Proceedings war ein der Musik der Thad Jones/Mel Lewis Big Band gewidmetes, großartiges Konzert mit mehreren Mitgliedern von dessen "Nachfolger", dem "Vanguard Jazz Orchestra". Die nächsten "generations" gibt's 2006.